Also wie ist das nun? Definieren wir erst mal Karma? negatives Karma (natürlich), schliesslich geht es ja um Leid. Was genau Karma verursacht, ist vermutlich eine andere Frage, die ein andermal geklärt werden kann. Gehen wir mal davon aus, Mensch A hat etwas viel negatives Karma gesammelt. Der Sammeltrieb scheint ja irgendwie in vielen Menschen enthalten zu sein. Irgendwann läuft das Fass über, "alles ist so schlimm", A leidet.
In vielen Quasi-Psychologie-Lebenshilfswerken und anderem Mummpitz wird dann geraten, dass man sich nicht unbedingt allzu lange in dem Leid aufhalten sollte, sondern mit Glücksformeln, Selbstliebe und natürlich den eigenen Gedanken (die bekanntlich das Universum erschaffen, oder so) das Leid aufzulösen, es in Glück umzuwandeln und sowieso alles etwas positiver zu sehen.
Ich weiss ja nicht wie’s euch geht, aber mir haben diese Bücher in den Lebensphasen, in denen ich gelitten habe, oder hätte, nicht viel gebracht. Denn selbst die Prophezeiungen von Celestine, was ich nach wie vor ein sehr gutes Buch finde, verursachen für eine Weile, mal eine Woche mal ein Tag ein saugutes Gefühl, irgendwie glaubt man daran, dass alles besser wird (etc.) und dann guckt man die Welt an und denkt „hm“.
Und warum? Allenfalls deshalb, weil der eigene Lebensweg nach wie vor nicht gelebt wird, und das Äussere (2012, Engel, Gott, oder eine Hochkonjunktur) im Grunde genommen nichts daran ändert, wie ich mich fühle oder wie ich mein Leben lebe. Jetzt kann man natürlich einwerfen, dass das Leben gar kein Weg in dem Sinne ist, sondern eher so eine Art Kuddelmuddel – doch auch wen dem so ist, so kann es doch sein, dass es in dem Kuddelmuddel eine Art von Weiterentwicklung gibt, entweder eine besondere Ordnung der Variablen oder ein besonders hübsches Chaos.
Vielleicht liegen sogar Talente, Kräfte, Ideen in dem Kuddelmuddel verborgen, das wir Leben nennen, selbst wenn selbiges hauptsächlich darin besteht, sich die ganze Zeit im Kreis zu drehen, und alle Nase lang, wieder zu jammern.
Jammern ist meines Erachtens in etwa das gleiche wie zwanghafter Optimismus: eine Ablenkung vom wesentlichen.
Was aber ist denn nun das Wesentliche? Ich denke, statt zu jammern oder dem Glück hinterherzueilen, wäre es angebracht, Leid empfinden zu können. Manche Dinge sind schlimm. Was bringt es das schönzureden (NLP), nicht zu sehen (Optimismus), die ganze Zeit nach Ursachen zu suchen (klassische Psychologie), es mit Suchtmitteln zu verdrängen, oder sich ganz allgemein mehr damit zu beschäftigen, wie schlecht es meinem armen Ich oder Ego auf einer Skala von 1-10 geht (wissenschaftliche Methode) geht, statt es einfach mal auszuhalten, das Leid zu empfinden, es zu spüren, in einem Wort: zu leiden.
Aber nein, leiden ist schlecht. Steht schliesslich in jedem Buch.
Was wenn sich die Bücher irren? Was wenn die Fähigkeit, wegen einer problematischen Situation zu weinen (und eben nicht einfach alkoholgetränkt darüber zu jammern), den Schmerz zu empfinden, genau das ist, was letztlich zur Auflösung des Schmerzes führt.
Im Grunde genommen, könnte man das Beispiel von weiter oben mit den Psychiatern nochmals analysieren, und kommt so vielleicht zum Schluss, dass diejenigen, die „weniger gut damit zurecht kamen“ auf lange Sicht eben doch besser damit zurecht kommen werden.
Wie sollte das gehen? Und was bewahrt einen davor, im Leid zu versinken, wovor ja viele Leute Angst haben? Indem durch das Empfinden des Leids (und nicht durch eine trockene geistige Analyse der Situation) das Karma, das zu diesem Leid geführt hat, vollständig aufgelöst wird. Es wäre dann weg, verschwunden, ward nie wieder gesehen. Und ganz ohne Rosenkranz beten, oder Meditation. Sondern einfach durch natürliches zulassen von Leid, welches ja sowieso grad da ist. Warum das Leid wegätzen, wenn man es auch verwenden könnte, um sich viele Stunden beim Psychiater ihrer Wahl (oder derjenigen der Krankenkasse) oder im Kloster zu ersparen? Was zurfolge hätte, dass es künftig in Situationen, in denen schlechtes Karma dazu führen könnte, ein Leid zu verursachen, das Leid nicht verursacht wird. Vom Kosmos (oder so
Nun gut, vielleicht gibt’s kein Karma, was die Sache auf den ersten Blick überflüssig erscheinen lässt. Andererseits gäbe es dann zumindest bestimmte Verhaltensmuster, die dazu führen, immer wieder den gleichen Schmerz NICHT wahrnehmen zu wollen. Statt ihn einmal wahrzunehmen, also keine Angst davor zu haben, und so die Muster im Verhalten zu durchbrechen.
Es mag stimmen, ja ich bin sogar sicher, dass es stimmt, dass Probleme im klassischen Sinn des Worts, vom Ego hergestellt werden, damit der Mensch sich ums Ego kümmert, diese Sorte von Problemen zu ignorieren schadet nichts, und nützt allenfalls sogar. Probleme wie „der Nachbar ist zu laut“, „immer muss ich Rasenmähen“ und ähnlichen Schrott. So zeug ist nicht wichtig.
Sachen wie Verlust, Einsamkeit, Opfersituationen, Langzeitarbeitslosigkeit, Ungerechtigkeiten, der Planet Erde, usw. das wären Dinge, bei denen Leid vorhanden ist, und sich die Auseinandersetzung mit dem Leid, statt eines dauernden, energieraubenden Zweckoptimismus oder gar Ignoranz, tatsächlich helfen würde.
Dabei helfen, die Situation zu ändern. Sei das nun mit dem Abbau von negativem Karma – oder einem psychologischen „Trick“. Die Energie, die es braucht, wegen einer negativen Sache, NICHT traurig und frustriert zu sein, könnte man doch auch dazu verwenden, die Situation zu verändern. Alles was es dazu braucht, ist das Leid zu umarmen, wie einen alten Freund. Es zu spüren. Und dann erst wieder loszulassen.



