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 Betreff des Beitrags: Gott
BeitragVerfasst: Mo 11. Mai 2009, 22:12 
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Registriert: Mi 3. Jan 2007, 12:42
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Unter seinen Füßen war das trockene Holz des Scheiterhaufens und er blickte hinunter, als läge da sein Leben vor ihm ausgerollt und er wollte nochmals alle Entscheidungen begutachten. Schließlich erhob er den Kopf wieder. Dieser war schwer geworden vor Erschöpfung. Die ganze Nacht war Tom hier angebunden gewesen auf dem Scheiterhaufen. Der Tod war, was ihn erwartete. Unausweichlich. Kein Entkommen mehr. Er war schon zu oft der Kirche entkommen. Sie war einfach überall. Nachdem es den großen Klimaumschwung gegeben hatte und darauf diese grauenhafte Grippe ausgebrochen war, hatte die Kirche großen Zufluss erfahren. Ihre Macht war beständig ausgedehnt worden.

Die christliche Idee der Nächstenliebe war ersetzt worden durch puren Dogmatismus und harte Regeln, denen die Menschen folgen sollten, ohne sie zu hinterfragen. Er war immer überzeugt gewesen von der christlichen Idee. Von der Idee, aber weniger von der Form, in der sie den Menschen nahegebracht wurde. Weil sie die Menschen nicht mehr erreicht hatte in einer Zeit, in der die Medien und die Werbung den Menschen erzählen wollten, dass es nur darum ging, immer mehr und mehr zu haben, und weniger darum, was echtes Glück eigentlich für ihn sein konnte.

Doch die Gesellschaft hatte sich mittlerweile selbst durch die Sucht nach immer mehr ruiniert. Die große Klimakatastrophe hatte unfassbar viele Menschenleben gefordert.

Die Menschen hatten Hoffnung gesucht und diese in der Kirche gefunden. Die Kirche hatte ihre günstige Position ausgenutzt und ihre Macht ausgebaut.

Nun war die Kirche die Macht, die das Leben diktierte. Die Kirche war nicht mehr zu unterscheiden vom Staat und fand überall Einzug. Schon irgendwie komisch, wie in einer solchen Notsituation die Menschen sich plötzlich auf einen Gott einigten. Der Allmächtige. Im Mittelalter war es die Pest gewesen, nun war es die Grippe, die die Menschen in die Arme der Kirche getrieben hatte. Das Problem daran war nur, dass die Kirche nicht mehr das war, was sie sein sollte.

Wie blitzschnell es doch alles gegangen war. Innerhalb von 2 Jahren waren etliche Massen an Toten begraben worden, die an dem Grippevirus gestorben waren, von dem sich die Wissenschaftler sicher waren, dass es ohne die Erderwärmung so nicht hätte entstehen können. Und innerhalb dieser 2 Jahre war die Weltordnung komplett verändert worden. Unter dem Deckmantel der Religion hatten einige wenige die Macht an sich reissen können, indem sie einfach das Interesse der Menschen befriedigt hatten, die sich nach dem weit verbreiteten Atheismus Anfang des 21. Jahrhunderts wieder nach Gott sehnten.

Der Grund, warum Tom bald im Feuer sterben sollte, war, dass er sich aufgelehnt hatte gegen die kirchliche Regierung. Die Einheit von Staat und Kirche bestand nun seit 7 Jahren. 7 Jahre lang hatte er versucht, das zu tun, was ihm möglich war, um einen Umsturz des Staatsgefüges herbeizuführen.

Er war schon so oft entkommen, dass er fast an Schicksal geglaubt hatte. Dieses Mal aber, hatte es keinen Ausweg mehr gegeben.

Sie hatten ihn nachts im Hotelzimmer aus seinem seit Jahren schon nicht mehr ruhigen Schlaf gerissen und zusammengeschlagen. Tom war kaum richtig wach geworden, da hatte er schon auf dem billigen Hotelteppichboden gelegen. Blut war ihm aus dem geöffneten Mund gelaufen und kurz bevor die Ohnmacht seine Sicht verdunkelt hatte, hatte er vor sich noch die zwei Schneidezähne liegen sehen, die ihm ausgeschlagen worden waren und bei sich gedacht, dass dies bestimmt nicht die christliche Idee der Nächstenliebe aus dem neuen Testament war.

Auch jetzt schmerzte wieder seine Seite wegen der Rippen, die ihm bei seiner Festnahme gebrochen worden waren. Aber er war zu müde und erschöpft, als dass der Schmerz ihn hart getroffen hätte. Und auch die Kälte der Nacht spürte er kaum, obwohl sein ganzer Körper von einer Gänsehaut überzogen war und zitterte.

Tom hatte Angst vor dem Sterben. Er glaubte nicht, dass man in Situationen kommen konnte, in denen man diese Angst überwinden konnte. Warum sollte es auch überhaupt einen stärkeren Trieb geben, als den Überlebenstrieb? Dieser hatte ihn die ganze Nacht wachgehalten. Aber die Aussicht, dass dieser Trieb befriedigt werden sollte, war gleich null. Todesangst war ein unglaublich starkes Gefühl. Die ganze Nacht hindurch hatte es ihn wachgehalten. Immer wieder hatte sich dieser kalte Klammergriff seiner Angst um seine Kehle gelegt und ihm die Luft abgeschnürt.

Die Sonne ging auf. Ihm war kaum aufgefallen, wie es langsam dämmerte. Aber als am Horizont die ersten Sonnenstrahlen aufleuchteten, wurde ihm der hereinbrechende Morgen plötzlich bewusst. Gedanken rasten durch seinen Kopf wie wilde Bienen. Er konnte keinen mehr fassen. Er war ausgehungert. Ihm war kalt. Er versuchte, sich auf den Sonnenaufgang zu konzentrieren. Ihn zu genießen. Es würde der letzte sein, den er erleben würde, bevor das Feuer seinem Leben ein Ende setzen würde.

Bald würden die Fernsehteams kommen und Kameras vor ihm aufbauen. Sie würden für eine ordentliche und natürliche Beleuchtung sorgen, damit das Publikum in den vollen Genuß seiner Leiden kommen würde. Die Kirche war zu dem alten Brauch zurückgekehrt, ihr unangenehme Zeitgenossen auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Wenn die Zeiten härter wurden, dann wurden scheinbar auch die Skrupel der Menschen geringer. Und dass vom menschlichen Leiden eine massenanziehende Faszination ausging, war wohl historisch mehr als nur ausreichend belegt. Auch wenn die Zeit von Brot und Spielen vorbei war, so hatte sich das menschliche Wesen ganz offensichtlich nur geringfügig weiterentwickelt.

Maria war dabei, Jakob zu züchtigen. Jakob, ihr Mann, hatte sie bereits gezüchtigt. Nun war es ihrerseits ihre Pflicht, ihren Mann als Ausdruck seiner Sündhaftigkeit und der Vergebung des Papstes, mit einer mehrschwänzigen, gesegneten Peitsche auf den Rücken zu schlagen.

Ihr hatte die Züchtigung durch ihren Mann sehr gut getan. Sie hatte förmlich gespürt, wie sie von ihren Sünden gereinigt wurde. Obwohl ihr die Tränen schon über die Wangen gelaufen waren, hatte sie ohne zu stöhnen oder gar zu schreien alle Schläge ertragen. Sie fühlte sich Gott so nahe, wenn sie den Schmerz spürte, der sich mit jedem neuen Schlag durch ihren Rücken zuckte, wie ein elektrischer Impuls. Genau dieses Gefühl, diese Reinigung, wollte sie nun auch ihrem Mann zuteil kommen lassen. Und so schlug sie mit voller Kraft auf seinen Rücken ein, während er die Schmerzen genau so tapfer ertrug wie sie.

Jakob freute sich über jeden Schlag, der auf seinem Rücken landete. Die Idee, sich durch ein gesegnetes Folterwerkzeug in ehelicher Gemeinschaft gemeinsam von seinen Sünden zu reinigen, war etwas sehr schönes für ihn. Er fühlte sich danach immer so befreit. Er genoß es förmlich, als Maria im Übereifer so hart schlug, dass die Haut an seinem Rücken aufriß und er fühlen konnte, wie ein dünnes Rinnsal Blut ihm über denselben hinunterlief. Er kniete von seiner Frau abgewandt mit freiem Oberkörper in Richtung des großen Kreuzes, das einsam und schwarz an der Wohnzimmerwand prangte. Er kniete fast genauso, wie seine Frau vor ungefähr 20 Minuten auch hier gekniet hatte. Mit gefalteten Händen und einem in Andacht gesenktem Haupt.

Die Züchtigung am Abend gab beiden die Gelegenheit, über ihre Sünden des Tages nachzudenken und in sich zu gehen.

Aber insgeheim freuten beide sich schon auf den gemeinsamen Abend vor dem Fernseher. Zuerst würde da der Papst sprechen. Er würde seine tägliche Predigt zur allgemeinen Lage im Gottesstaat halten. Der Gottesstaat bestand aus den Wenigen, die die große Grippe überlebt hatten und erstreckte sich über die ganze Welt.

Nach der Rede des Papstes würde dann die Liveübertragung der Hinrichtung des Ketzers stattfinden. Beiden fieberten sie schon seit Wochen dem Ereignis entgegen. Endlich würde dieser Diener des Antichristen, dieser höllische Gegner des Papstes und der Kirche brennen. Und sie beide würden seinen Todeskampf gemeinsam vor dem Fernseher mitverfolgen können. Diese Befriedigung, den Verräter brennen zu sehen, wollte keiner von beiden sich entgehen lassen.

Als Maria fertig mit der Züchtigung ihres Gatten war, aßen beide zu Abend und machten es sich dann vor dem Fernseher bequem.

Stefanie hatte nicht sehr gut geschlafen, seit sie von der Festnahme des Widerstandsführers gehört hatte. Ihrem Mann Frank ging es ähnlich. Beide hatten nie ihren Platz in diesem System der Unterdrückung und der Hierarchie gefunden, das der Staat darstellte. Niemand durfte etwas in Frage stellen. Niemand durfte Kritik äußern. Am Ende der Hierarchie stand immer Gott und dieser hatte per Definition recht. Dass es nicht Gott war, sondern ein Staatsgefüge unter der Führung eines menschlichen Papstes, daran störte sich scheinbar niemand.

Nun saßen sie beide vor dem Fernseher. Die Rede des Papstes hatten sie sich nicht angetan. Zuviel dogmatischer Schwachsinn machte einen matt im Kopf. Einerseits wollten sie das, was nun kommen würde gar nicht sehen. Wie man ein letztes Stück Gerechtigkeitssinn und Gewissen hinrichten würde in diesem Kirchenstaat. Andererseits konnten sie auch nicht wegschauen. Sie vertraten dieselben Ideale, die dieser Mann vertreten hatte, der nun hingerichtet werden sollte. Sie konnten nicht wegsehen, wie man einen Geistesverwandten hinrichtete. So traurig das auch war. Gerade weil es sie nicht kalt ließ, mussten sie sich die Fernsehübertragung von diesem Widerständler anschauen. Diese Hinrichtungen gab es nicht sehr oft, da der Widerstand nicht groß war. Aber ungefähr einmal im Monat gab es sie dann doch.

Gewissermassen waren auch Stefanie und Frank in Gefahr. Auch sie könnte es vielleicht erwischen, wenn zum Beispiel ihre Nachbarn, die besonders fromme Christen waren, sie bei der Kirche anzeigen würden. Vielleicht zwei Soldaten, die sie in der Nacht im Schlaf überraschten.

Sie wandten ihre Augen auch nicht ab oder schalteten gar den Fernseher aus, als man das Feuer an den Scheiterhaufen legte. Das ganze Schauspiel war von einem Choral unterlegt, der dem Ganzen eine feierlich gruselige Stimmung verlieh. Sie sahen zu, wie unter großen Schmerzen ein Widerstandsführer starb und mit ihm ein Stück der Aussicht auf Freiheit. Zwar waren sie beide durch die regelmäßigen Übertragungen von Hinrichtungen schon etwas abgestumpft hinsichtlich der Grausamkeit des Aktes, aber sie waren doch jedesmal traurig, wenn sie so etwas mitverfolgten.

Maria war sehr ergriffen. Die feierliche Musik, mit der die Hinrichtung untermalt war, und die ästhetische Inszenierung der Übertragung versetzen sie in Verzückung. Sie war sich sicher, dass das richtig war. Es war Gottes Wille, dass dieser Verräter brannte. Er sollte seine Sünden an der Kirche büßen. Die Augen des Ehepaares leuchteten beinahe so hell wie der Fernsehbildschirm. Gebannt folgten beide der Übertragung der Hinrichtung. Fast andächtig blickten beide zum Bildschirm, der den brennenden, sich unter Schmerzensschreien windenden Widerstandsführer zeigte. Doch seine Schreie wurden übertönt von dem Choral, der als Musikuntermalung der Szene sehr passend war, wie die Beiden meinten.

Nach der Übertragung beteten Maria und Jakob. Sie dankten Gott, dass die Welt wieder ein Stückchen besser war.

Pfarrer Braun saß vor dem Fernseher und genoß es, wie der Verräter zu leiden hatte, während diese Blondine ihren Kopf zwischen seinen Beinen auf und ab bewegte. Gerade in dem Moment, als ein Schmerzensschrei des Delinquenten den Choral leicht übertönte, der die Hinrichtung untermalte, kam es ihm.

Es war schön, Pfarrer zu sein. Aufgrund der Zusammenlegung der Religionen, der Verschmelzung des Christentums und des Islams, hatten sich einige Regeln geändert. Man hatte eine neue Bibel entworfen und geschrieben. Man hatte neue Gebote und Verbote erlassen. Gewissermaßen mussten diese Gebote auch als Gesetze betrachtet werden, denn die Kirche war ja nun auch Staat.

Doch der Punkt der ihm definitiv am Besten gefiel, war dass Pfarrer nun außerehelichen Sex haben durften, so viel sie wollten. Und die wirklich gläubigen Frauen waren ganz wild darauf, Sex mit einem Pfarrer zu haben. Es war nach der neuen Bibel eine Segnung, einen Pfarrer sexuell zu befriedigen. Wahrscheinlich war dieser Einfluß eher aus dem Islam gekommen, als aus dem christlichen Kulturkreis. Aber wo er letztendlich herkam, das war Pfarrer Braun ziemlich egal. Entscheidend und wichtig war, dass er so etwas entschädigt wurde, für den Schwachsinn, den er den Menschen predigen musste.

Gewissermaßen war es doch auch eine Herausforderung, etwas zu predigen, das irgendjemand vor kurzem in der Absicht geschrieben hatte, die Macht der Kirche zu rechtfertigen. Irgendwelche willkürlichen Gesetze prägten das Leben der Gläubigen. Es konnte gut sein, dass nach einer Weile die neue Bibel genau wie die alte, nun ungültige, Bibel so ins Denken der Menschen eingehen würde, dass man die Ideen nicht mehr hinterfragte. Aber die Mehrheit der Menschen schien diese Ideen ohnehin nicht zu hinterfragen. Er hatte das damals auch noch nicht getan, als er Pfarrer für die alte Religion geworden war. Doch nachdem diese so plötzlich durch eine neue ersetzt worden war, kamen ihm diese Gedanken über die Rechtfertigung der Religion unwillkürlich.

Jetzt hatte er schon wieder vergessen, wie die Kleine hieß, die ihm da zwischen seinen Schenkeln entgegenblickte. Irgendwas mit R. Renate, Roswita? So ein Mist, da schaute sie ihn mit Rehaugen erwartungsvoll an und sein Blut war nicht da, wo er ihren Namen im Gehirn abgespeichert hatte. Doch. Rebecca hieß sie.

Pfarrer Braun machte ein Kreuz vor ihrem Gesicht. Rebeccas Blick hellte sich gleich merklich auf und sie senkte andächtig das Haupt, als Pfarrer Braun sagte: "Gott segne Dich, Rebecca!"

"Kann ich noch etwas für Sie tun, Herr Pfarrer?", wollte Rebecca wissen.

Als Pfarrer Braun dies verneinte, erhob sie sich von ihren Knien und verließ das Zimmer. Pfarrer Braun stand auf und zog sich seine Hose wieder an.

Pfarrer Braun stand auf der Kanzel und blickte in die hohlen Gesichter, die ihn mit leuchtenden Augen anblickten. Es war eine kleine Gemeinde, aber dafür war die gesammelte blinde Überzeugung umso größer. Sie alle warteten auf seine nächsten Worte. Fast genoß er die Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wurde. Wäre es nur nicht so ein Schwachsinn gewesen, den er ihnen erzählte oder erzählen musste. Er war nur ein Rädchen, das die Maschine am Laufen hielt. Ein Rädchen, das man leicht ersetzen konnte durch eines, welches besser oder schneller lief, wenn er nicht so handelte, wie die Kirche das wollte. Er war zwar Pfarrer, aber er könnte genauso auf dem Scheiterhaufen landen, wie der Revolutionär, der gestern verbrannt worden war.

Am liebsten hätte er diesen erwartungsvollen Gesichtern geradeaus gesagt, was er von der Kirche hielt. Was er wirklich dachte über dieses System der Machterhaltung, das die Kirche "Religion" nannte.

Für heute bestand seine Predigt darin, zu rechtfertigen, warum es Gottes Wille war, dass man Verräter auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Es war geradezu absurd, dass dieser mittelalterliche Brauch wieder aufgegriffen wurde. Aber die Geschichte schien sich wohl tatsächlich zu wiederholen. Er persönlich betrachtete die heutige Kirche als ein Mittel um eine hierarchische Struktur ins Denken der Menschen einzuhämmern. In dieser Menge von Schafen vor ihm hatte niemand etwas zu sagen. Aber weil sie alle in die gleiche Richtung liefen, lief auch das System fröhlich weiter. Wenn überhaupt jemand etwas zu sagen hatte, dann waren das die Leute, die in direktem Kontakt mit Gott standen. Der Papst und jeder, der in der kirchlichen Struktur unter ihm stand, waren die Einzigen, die eine biblische Rechtfertigung ihrer Macht erhielten. Über die Religion hatten die Nicht-Priester keine Grundlage zur Mitbestimmung. Ihnen wurde nur ständig eingeredet, dass sie für ihre Sünden büßen werden müssten. Religion hatte nichts mehr vertrauenerweckendes für die Menschen zu bieten. Nur noch Angst und Terror bei Nichtbefolgen der Gebote.

Wenn man es etwas distanzierter betrachtete, war es doch so, dass die Menschen ihren Charakter hatten und dass ein Gebot für den Einen viel leichter zu befolgen war, als für einen Anderen. Klar brauchte man Richtlinien, die das Leben regulierten. Aber Strafe und Hölle als Folgen vom Gebotsverstoß zu predigen, war doch wohl nicht das Richtige. Das schreckte die Menschen ab. Wäre es nicht besser die positive Wirkung des Handelns nach sinnvollen Geboten hervorzuheben. Aber was wusste er schon er war nur ein Pfarrer und stand nicht gerade weit oben in der Hierarchie.

Manche Gebote waren auch einfach nur absurd. Zum Beispiel sich gegenseitig zu züchtigen, nachdem man der "Fleischeslust" nachgegeben hatte. Zum Glück galt dieses Gebot nicht für ihn als Priester.

Wie er so in die Menge blickte, fiel ihm auf, dass er mal wieder mit seiner Predigt fortfahren sollte.

"Und es war gut, dass er brannte. Er hat unser aller Leben mit seinen Schmerzen gereinigt. Wir haben Gottes Willen vollzogen und mit dem Ketzer einen Teil unserer Sünden verbrannt. Ich kann mir sogar vorstellen, dass er in diesen letzten Momenten seines Lebens noch eine Erleuchtung erfahren hat. Dass Gott ihm die Gnade zuteil werden ließ, ihm zu zeigen, wie er mit seinem Streben nach Freiheit sich gegen die Kirche versündigt hat. Und dass er selbst seinen Tod so akzeptieren konnte. Denn glaubt mir, meine Brüder und Schwestern im Geiste: Es gibt nichts schöneres, als das Wort Gottes in seinem Ohr zu hören.

Der Herr segne Euch!"

Obwohl Pfarrer Braun eine andächtige Miene wahrte, während ihm ein lautes Amen entgegenhallte, war ihm innerlich eher so, als ob er gleich kotzen müsste.

Stefanie stand auf der Frauenseite in der Menge andächtiger Christen und hörte Pfarrer Braun kaum zu. Sie musste hier sein. Es würde auffallen, wenn man am Sonntag fehlte ohne einen folgenschweren Grund zu haben. Aber sie wollte nicht hier sein. Sie konnte das kaum mitanhören, was dieser Idiot von der Kanzel herab predigte. So ein Riesenschwachsinn.

Jetzt machte er schon wieder eine von diesen Spannungspausen, die so lächerlich wirkten, wenn man das ganze Gelaber nicht mochte. Aber es lachte niemand. Sie lachte auch nicht. Es wäre ein Fehler gewesen zu lachen während der Predigt. Man hätte sie zwar sicher nicht gleich verbrannt, aber es hätte ihren ohnehin nicht so guten Stand in der Gemeinde noch um einiges verschlechtern können.

Während sie hier auf den harten Holzbänken kniete, wuchs in ihr ein Hass auf die Menschen, die um sie knieten. All diese Leute blickten mit so frommen Gesichtern in Richtung Kanzel. Aber jeder von ihnen konnte zur Gefahr für sie werden. Sie müsste sich nur falsch verhalten und jemand müsste sie denunzieren. Ja, sie hatte Angst vor dem Sterben. Vor dieser Art von Tod. Das kannte sie nur zu gut aus den Liveübertragungen im Frensehen. Verbrannt zu werden vor einer jubelnden Masse fanatischer Christen war eine der schlimmsten Arten zu sterben, die sie sich vorstellen konnte.

Endlich sprach Pfarrer Braun weiter und beendete die Stille, die angefangen hatte sie zu erdrücken. Mit seinem inbrünstigen Worten riß sie Pfarrer Braun aus der aufkommenden leichten Panik. Dafür war sie ihm fast dankbar.

Sie fragte sich, wie es wohl Frank gerade ging und riskierte einen Blick hinüber zur Männerseite, wo er kniete.

Frank ging es auch nicht besser als Stephanie. Er fühlte sich ebenso unwohl inmitten dieser blinden Fanatiker, konnte aber genauso wenig die Kirche verlassen wie es Stephanie unmöglich war. Vielleicht war es nicht unmöglich, aber es war undenkbar. Ihm ging immer wieder die Fernsehübertragung von Toms Hinrichtung durch den Kopf. Wie Toms Schmerzensschreie kaum zu hören gewesen waren wegen der musikalischen Untermalung der Aufnahme. Trotzdem war dem geneigten Publikum einige Nahaufnahmen von Toms Gesicht nicht erspart geblieben. Diese konnte er nun nicht mehr aus seinem Kopf vertreiben. Dass Pfarrer Baun auch nur über die gestrige Hinrichtung predigen musste, machte es nicht gerade einfacher.

Frank hatte Tom persönlich gekannt. Tom war kein schlechter Mensch, er war im konventionellen Sinne noch nicht einmal ein schlechter Christ gewesen, wahrscheinlich war er nach einer anderen Definition als der jetzigen sogar ein besserer Christ, als alle hier Anwesenden. Er hatte sich nur der Kirche in den Weg gestellt. Und die mediale Allmacht der Kirche hatte zuerst seinen Ruf zerstört und dann hatte die Kirche ihn hinrichten lassen. Frank hatte sich noch nie erklären können, wie die Religion einen solchen Wandel durchmachen hatte können. Sie war nur noch Machtinstrument. Rechtfertigung für die Macht einer Gruppe von Personen. Bei genauerem Betrachten fragte er sich manchmal auch, ob die Kirche das nicht früher auch schon gewesen war.

Wie auch immer, nun musste Frank damit zurechtkommen, in einer Welt zu leben, die so gar nicht seinen Idealen entsprach. Er war umgeben von Menschen, die sich keine Gedanken mehr darüber machten, etwas an ihrer Situation zu verbessern. Inmitten von Menschen, die sich an das Leben gewöhnt hatten, so wie es nun einmal war. In ihnen war kein Funke, der ein Feuer hätte entfachen können, aus dessen Asche etwas neues hätte entstehen können. Er fühlte sich aber nicht nur einsam unter diesen Menschen. Nein, er fühlte sich sogar bedroht. All das, was ihre Einstellung zum Leben ausmachte, machte Frank Angst. Einige von ihnen waren sicher nur Mitläufer, die das machten, was alle anderen auch machten. Gehorchen und nicht auffallen. Aber es mußte auch genügend geben, die sich voll und ganz mit dem System identifizierten und nichts anderes sahen als das, was ihnen hier gepredigt wurde. Die blinden Fanatiker, wie er sie gerne betrachtete. Wie konnte es nur sein, dass die Menschen das alles so wenig hinterfragten. Warum machten sie sich denn keine Gedanken?

Frank musste sich diese zwecklose Frage ohne Antwort immer wieder stellen, auch wenn er wusste, dass ihn das nicht weiterbrachte.

Plötzlich wurde die Kirchentür aufgestoßen. Zwei Männer, die schwarz gekleidet waren und ein weißes Kreuz auf der Brust hatten, machten eine Kniebeuge und traten dann ein. Sie eilten auf Franks Bank zu.

Frank lief ein kalter Schauer über den Rücken. Das war die kirchliche Polizei. Wahrscheinlich war sein Kontakt zu Tom ans Licht gekommen. Wahrscheinlich hatten sie Tom gefoltert. Frank konnte ihm nicht böse sein. Es war nicht so, dass die Kirche zimperlich gewesen wäre, was das Foltern anging.

Die beiden Polizeibeamten kamen immer näher. Frank konnte nirgends hin. Er stand hier mitten in der Kirchenbank. Wie angewurzelt war er. Aber vielleicht wäre wegzurennen auch die falsche Reaktion. Vielleicht waren sie gar nicht hier, weil sie ihn wollten. Doch jetzt blieben sie vor der Kirchenbank stehen, in der sich Frank befand. Mittlerweile herrschte Totenstille in der Kirche. Pfarrer Braun hatte seine Predigt abgebrochen und verfolgte das Schauspiel von der Kanzel aus.

Die Polizisten forderten die andächtigen Christen auf, aus der Bank herauszukommen.

Einer nach dem anderen räumten sie die Bank. Die Sekunden, die verstrichen, wurden für Frank zu kleinen Ewigkeiten. Gleich würde er an der Reihe sein, aus der Bank zu kommen. Dann würden sie ihm Handschellen anlegen, ihn vor allen Leuten hier aus der Kirche zerren. In ein paar Tagen würde Stephanie im Fernsehen zusehen können, wie er auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Ihre Nachbarn, diese Fanatiker, würden sich dann wahrscheinlich in den Armen liegen und sagen: "Mein Gott, wie lange haben wir neben diesem Heiden gewohnt und nicht gewusst, wer er ist!" Stephanie würde geächtet werden, wenn die Polizisten nicht auch noch sie sofort mitnahmen.

Es gab kein Entkommen in diesem System.

Irgendwann erwischten sie jeden. Auch die, die eigentlich unschuldig waren. Frank hatte Tom schließlich nur gekannt. Er hatte nie aktiv im Widerstand gearbeitet. Aus Angst! Das war nun, wohin seine Angst ihn gebracht hatte. Er saß hier hilflos in der Kirchenbank und wartete auf seine Henker.

Er konnte keinen fairen Prozess erwarten. Die neue Bibel war auf der Seite der Anderen und nicht auf seiner. Das war, was zählte und nicht die Gerechtigkeit.

Nun war es wohl auch an ihm, sich in Bewegung zu setzen. Es war demütigend, seinen Schlächtern auch noch entgegenlaufen zu müssen. Doch nun konnte Frank nichts mehr tun. Er wünschte sich, er hätte mehr getan, denn nun würde er einfach nur sterben mit seiner Angst und seinen unterlassenen Wünschen. Immer schlechter wurde es ihm, als er auf das Ende der Bank zuging.

Gerade als Frank gefasst war, gleich abgeführt zu werden, drückte einer der Polizisten seinem Banknachbarn vor ihm einen Elektroschocker an die Schläfe, als dieser am Ende der Kirchenbank war. Franks Nachbar zuckte heftig und fiel dann zu Boden. Er schlug erst mit dem Gesicht auf der harten Kniebank aus Holz auf, bevor er auf den Boden knallte. Er blutete aus der Nase, als er aus der Kirche gezerrt wurde. Auch wenn Frank Mitleid mit ihm hatte, so war er doch erleichtert, dass es nicht ihn getroffen hatte.

Die Kirchentüren fielen mit einem lauten Krachen ins Schloß. Die Stille war nicht weniger tot als zuvor. Schließlich rief Pfarrer Braun freudig: "Lobet den Herrn!" Er grinste förmlich, als ihm ein lautes Amen entgegenhallte.

Der Rest des Gottesdienstes verlief friedlich. Doch die Stille in der Kirche war nicht mehr von Andächtigkeit geprägt, falls sie es jemals gewesen war. Es herrschte vielmehr eine Stille, die von Angst erfüllt war. Nur ein paar wenige Kirchgänger schienen sich besser zu fühlen, da der Delinquent abgeführt war.

Maria und Jakob befanden sich auf dem Heimweg. Auch für sie war das, was sich in der Kirche abgespielt hatte, unheimlich und ungewöhnlich gewesen. Sie hielten ihre Hände, während sie nach Hause marschierten. Überall waren Kirchgänger unterwegs. Es war das ganze Dorf unterwegs, wenn man es genau nahm, denn es traute sich niemand, nicht zur Kirche zu gehen. Manche waren aber auch einfach nur so überzeugt vom Inhalt der neuen Bibel, dass sie keinen Gottesdienst verpassen durften.

"Weißt Du was er getan hat?", fragte Maria ihren Mann.

"Keine Ahnung. Aber die Kirche macht keine Fehler. Er hat es sicher verdient."

"Das bestimmt! Ich würde doch nicht an der Kirche zweifeln. Ich bin nur neugierig."

Jakob wusste sehr gut, dass Maria die Kirche nicht anzweifeln würde. Was gab es auch zu zweifeln? Zweifel war nur eine unchristliche Schwäche und dafür war kein Platz in seinem Weltbild. Genausowenig war Zweifel eine Option in Marias Weltbild. Der Glaube an die neue Bibel war es, der zählte. Zweifel war fast schon Sünde. Die Straße des Zweifels konnte nur ins Verderben oder die Hölle führen. Am Besten war es wohl, man setzte sich damit gar nicht erst auseinander und akzeptierte alles, was in der neuen Bibel stand.

"Das war zwar etwas hart mitanzusehen, aber es war sicher das Beste für die Gemeinde!", resümierte Jakob schließlich zufrieden.

Maria nickte zustimmend, wie es sich für eine christliche Frau gehörte, wenn ihr Mann etwas feststellte. Wahrscheinlich hatte ihr Mann auch Recht. Ziemlich sicher sogar. Es war doch unmöglich, dass sie jemanden verhafteten, der unschuldig war.

Da wurden die beiden von ihren Nachbarn, Frank und Stephanie überholt.

"Hallo ihr beiden!", grüßten Jakob und Maria fast im Chor. Als die beiden sich zu ihnen umdrehten, um zurückzugrüßen, konnten Maria und Jakob sehen, dass sowohl Frank, als auch Stefanie leichenblass waren.

"Seid ihr nicht froh, dass sie den Verräter gefasst haben?", fragte Jakob mit hochgezogener Augenbraue, wodurch sein Gesichtsausdruck fast schelmisch wirkte.

Nach kurzer Pause gelang es Frank, zu stammeln: "Doch, nur die Art, die heilige Messe so aprupt zu stören, war doch ziemlich ungewöhnlich."

Jakob und Maria blickten sich an und dachten beide dasselbe. Die Gesinnung und der Glaube ihrer Nachbarn waren ganz offensichtlich in den Grundfesten erschüttert. Sie mussten den beiden helfen. Das war ihre Pflicht.

"Wollt ihr uns nicht morgen zum Abendessen besuchen kommen?", fragte Maria mit einem einladenden Lächeln. Jakob verstand und lächelte auch freundlich in die Richtung der beiden Zweifler.

Frank fühlte sich bei diesen beiden Lächeln an Grinsekatzen aus dem Wunderland erinnert. Doch diese Assoziation konnte er im Moment überhaupt nicht komisch finden. Er blickte Stephanie an, die sich offenbar ebenso unwohl fühlte, wie er. Sie wussten nicht, was sie sagen sollten. Sie konnten diesen Fanatikern nicht so einfach absagen. Aber es war eigentlich zu gefährlich, die Einladung anzunehmen. Ein falsches Wort und es wäre ihre sichere Denunziation. Eine Weile lang blickten die beiden sich noch verkrampft an, während sie erfolglos nach einer Ausrede suchten.

Plötzlich sagte Frank mit gequältem Lächeln: "Gern kommen wir!"

Stephanie blickte ihn strafend an, während Maria und Jakob im Chor frohlockten, dass das schön sei. Eine Zeit war nicht zu vereinbaren, weil die neue Bibel festgelegt hatte, dass ein guter Christ um 18 Uhr zu Abend essen musste.

Als Frank und Stephanie sich verabschiedet hatten und zu Hause waren, machte Stephanie ihrem Unmut darüber Luft, dass Frank die Einladung akzeptiert hatte.

"Was hast Du Dir nur dabei gedacht?"

"Was hätte ich denn bitte machen sollen?"

"Ein Essen mit diesen Christen ist glatt lebensgefährlich!", schimpfte Stephanie und verschwand ins Bad.

"Das weiß ich, aber eine Einladung abzulehnen doch wohl auch!"

Doch Stephanie hatte die Tür schon zugeknallt und konnte nicht mehr hören, was Frank nachdenklich vor sich hinmurmelte.

Am nächsten Tag standen Frank und Stephanie um 17:45 Uhr vor der Haustür ihrer Nachbarn und klingelten.

Maria öffnete die Haustüre und lächelte den beiden freundlich und hohl entgegen.

Frank und Stephanie zwangen sich ein aufgesetztes Lächeln ins Gesicht und Frank streckte Maria die Flasche gesegneten Weins mit dem großen Kreuz auf dem Etikett entgegen, fast so, als ob sie eine Vampir vor sich hätte. Maria nahm das Gastgeschenk entgegen und ihr ohnehin schon gruseliges Lächeln verbreiterte sich noch merklich. "Danke! Das wäre doch nicht nötig gewesen! Seid willkommen!", platzte endlich ihr Lächeln in einen Wortschwall.

Frank hasste den Wein, den er gerade verschenkt hatte. Er war sich fast sicher, dass die staatliche Weinproduktion diesem Gesöff Drogen beimischte, um den dummen Teil der Bevölkerung, der den Wein trank, und das waren nicht wenige, gehorsam zu halten. Zum einen schmeckte das himmlische Gebräu sehr verdächtig und zum anderen konnte man die Wirkung auch spüren, wenn man etwas sensibel war.

"Meine Lieblingssorte!", sagte Maria ehrlich überzeugt und nach kurzer peinlicher Pause schaffte es Stephanie, der breit grinsenden Nachbarin ein "Meine auch!" entgegenzulügen. Eigentlich waren Frank und Stephanie beide gewillt, auf der Stelle wegzurennen, doch stattdessen traten sie ein, als Maria sie mit einer einladenden Geste dazu aufforderte.

Maria geleitete sie ins Esszimmer, wo Jakob vor dem mit Brot und Wasser gedeckten Tisch stand und sie freundlich grinsend mit Handschlag begrüßte. Beiden flüsterte er ein "Sei gesegnet!" entgegen und wie es sich für Gäste gehörte, die so begrüßt wurden, machten Frank und Stephanie beide jeweils einen Knicks und antworteten: "Auch Du, Bruder!". Auf dem Brot, das auf dem Tisch festlich dalag, prangte ein großes Kreuz aus Sesam. Dieses Brot gab es an jeder staatlichen Bäckerei für sehr viel Geld zu kaufen. Von diesem Gebäck bekam Frank immer scheußliche Kopfschmerzen und war noch Tage danach ganz niedergeschlagen. Stephanie mochte das Brot auch nicht, auch wenn bei ihr die Nebenwirkungen nicht ganz so stark waren. Aber auch hier lag die Vermutung sehr nahe, dass einige Zutaten im Backteig waren, die so nicht unbedingt ins Brot gehörten.

Frank und Stephanie hofften beide, dass Maria und Jakob nicht bemerkten, wie unwohl sie sich in ihrer Haut fühlten, als sie alle zum Tischgebet neben den Stühlen knieten. Die Sitzverteilung war nach der neuen Bibel gewählt. Das bedeutete, dass die Gäste auf der einen Seite des Tisches Platz nahmen und die Gastgeber auf der anderen. Frank saß links von Stephanie und Jakob rechts von Maria, so dass sich nicht Mann und Frau, die nicht verheiratet waren, gegenübersaßen, denn das wäre gegen die Sitte verstoßen.

Momentan knieten sie aber alle noch und richteten den Blick in Andacht zum Fernseher, damit sie Gottes Worte aus dem Mund des Papstes mitbeten konnten. Frank und Stephanie hatten beide Angst, dass sie allzu angewidert schauten, als sie sahen, wie Jakobs und Marias Augen hell aufleuchteten, als das Bild des Papstes auf dem Fernsehschirm erstrahlte. Nach der Hasspredigt des Papstes über den verbrannten Verräter blickten Maria und Josef geradezu überglücklich drein.

Nun brach Jakob das komische Brot und verteilte es mit großherzig theatralischer Gestik an die Gäste, an seine Frau und an sich. Andächtig würgten sie alle das Brot hinunter. Frank und Stephanie wunderten sich etwas über ein seltsames Aroma in ihrem Wasser. Nach beendetem Mahl war beiden Gästen sehr schwindelig und sie blickten zuerst sich an und dann Maria und Jakob, die beide wissend grinsten. Mit ihrem letzten Rest Bewußtsein, konnten sie noch wahrnehmen, wie Maria zu Jakob sagte: "Sie waren einfach schon zu sehr vom Glauben abgekommen, als dass man ihnen anders noch hätte helfen können."

Dann schlugen sie beide mit den Köpfen aufs Geschirr vor ihnen auf dem Tisch.

Als sie beide wieder erwachten sahen sie in helles Scheinwerferlicht. Ihnen bot sich ein Bild aus einem Meer von Kameras, die die öffentliche Hinrichtung übertragen sollten. Sobald sie es geschafft hatten, ihre Augen vollständig zu öffnen, konnten sie zusehen, wie der Papst ihre Scheiterhaufen segnete. Ein perverses Bild bot sich ihnen aus der Perspektive der Delinquenten. Ein lächelnder Papst, der sie und die Scheiterhaufen nicht mit Weihwasser, sondern mit gesegnetem Benzin besprenkelte.

Die Dämpfe, die in ihre Nasen krochen, waren unangenehm und brannten fast nach der langen Bewußtlosigkeit. Stephanie hätte gerne dem grinsenden Papst ins Gesicht gespuckt, aber weil sie geknebelt war, konnte sie das nicht.

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"i touch these strings but cannot touch the sound" - Nada Surf


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 Betreff des Beitrags: Re: Gott
BeitragVerfasst: Di 12. Mai 2009, 02:00 
gute geschichte! sage meinen dank crawler
irgendwie erinnert sie mich ein wenig an chrom....
schön zu sehen, dass es noch menschen gibt die nicht nur sex, drugs and goa im kopf haben... nur schade, dass es wohl die wenigsten lesen werden...
keine perlen vor die säue... oder doch? *chchch*

L&L

ps. mir hätte der titel "in the name of god" zwar besser gefallen ;) aber is ja deine geschichte *gg*


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 Betreff des Beitrags: Re: Gott
BeitragVerfasst: Di 12. Mai 2009, 07:27 
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Platin Member
Platin Member

Registriert: Mi 8. Apr 2009, 23:55
Beiträge: 1433
WOW :D
Crawltothesky, Deine Geschichte ist einfach mega! Danke für diese Perle! :D *oink* ;)
Tiefschichtig, Mehrere Weisheiten gleichzeitig, ein fulminantes Feuerwerk der Gefühle
und erst noch gut geschrieben und easy zum lesen.
Regt zum Nachdenken an!
Thanks.

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 Betreff des Beitrags: Re: Gott
BeitragVerfasst: Di 12. Mai 2009, 07:56 
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War ja klar, dass du dem Forum nicht lange fern bleiben kannst!! Läuft diese Geschichte jetzt, bist du bei Fallen Angel 10 bist?? /grim

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 Betreff des Beitrags: Re: Gott
BeitragVerfasst: Di 12. Mai 2009, 08:00 
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Nein, diese Geschichte ist so zum letzten Mal gelaufen. Ich werde weiteren Löschungsanträgen von Fallen Angel kein Gehör mehr schenken.

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 Betreff des Beitrags: Re: Gott
BeitragVerfasst: Di 12. Mai 2009, 14:28 
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wieso wurde er gelöscht?


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 Betreff des Beitrags: Re: Gott
BeitragVerfasst: Di 12. Mai 2009, 14:32 
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er hat darum gebeten

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 Betreff des Beitrags: Re: Gott
BeitragVerfasst: Di 12. Mai 2009, 18:27 
8-[

ich denke "zensuriert" ist eine keine so abwägige geschichte, jedoch werde ich mich hüten, das wort "zensuriert" wieder in die tastatur zu tippen - weil auf der welt lauter "zensuriert" herumlaufen, denen ich es sogar zutraue, dass sie mich "zensuriert" würden, im namen von "zensuriert", jedoch passiert in meinen augen nichts böses im namen "zensuriert", höchstens im namen der menschen. eines kann uns "zensuriert" nicht abnehmen: die entscheidungen. entweder sind wir "zensuriert", oder doch nicht so sehr, doch "zensur" wird in unseren köpfen grossgeschrieben, denn dort entscheidet sich, welche unserer gedanken wir zensurieren.
wenn ich - angenommen - "zensuriert" würde, und "unzensuriert" all meine "zensuriert" gedanken an die öffentlichkeit liesse, dann "zensuriert" "zensuriert", "zensuriert".

in diesem sinne: "zensuriert" euch!


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 Betreff des Beitrags: Re: Gott
BeitragVerfasst: Mi 13. Mai 2009, 05:33 
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Jo Abraxas hat Recht ;) aber: falscher Thread für diese Diskussion.
Könnt ihr jetzt bitte mal den Text von Crawltothesky lesen und allenfalls kommentieren?
Ist nämlich wirklich eine sehr wichtige Geschichte.

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 Betreff des Beitrags: Re: Gott
BeitragVerfasst: So 7. Jun 2009, 21:44 
Fallen Angel 3 hat geschrieben:
Könnt ihr jetzt bitte mal den Text von Crawltothesky lesen und allenfalls kommentieren?
Ist nämlich wirklich eine sehr wichtige Geschichte.

hab ich doch /happy

:-D


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 Betreff des Beitrags: Re: Gott
BeitragVerfasst: Mo 17. Apr 2017, 08:40 
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Fallen Angel 3 hat geschrieben:
Jo Abraxas hat Recht ;) aber: falscher Thread für diese Diskussion.
Könnt ihr jetzt bitte mal den Text von Crawltothesky lesen und allenfalls kommentieren?
Ist nämlich wirklich eine sehr wichtige Geschichte.


hey - die geschichte hat was. ich war nicht dabei. aber jetzt, so im nachhinein: wenn Buddhisten über Gott schreiben, sollte ich zumindest insofern mit dem selben Interesse mitlesen, wie wenn Mormonen über Buddha schreiben :-D

abraxas hat geschrieben:
Nein, diese Geschichte ist so zum letzten Mal gelaufen. Ich werde weiteren Löschungsanträgen von Fallen Angel kein Gehör mehr schenken.


*ggg

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